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Presse
31.03.2010, 15:58 Uhr | Hanno Müller/ TA Übersicht | Drucken
Politische Gefangene zu DDR-Zeiten:




 "Ich bin jetzt stärker"

  • Starke Frau: Nach Jahrzehnten des Schweigens hat Erika Riemann, hier im Gespräch mit unserer Zeitung, sich ihre Erinnerungen an acht Jahre Lagerhaft von der Seele geschrieben. Foto: Daniel Volkmann
Weil sie als 15-Jährige 1945 mit ihrem Lippenstift ein Stalinporträt bemalte, wurde die Mühlhäuserin Erika Riemann acht Jahre lang eingesperrt. Über die Reaktionen auf ihren Erinnerungsbericht "Die Schleife an Stalins Bart" hat sie jetzt ein neues Buch geschrieben.
Frau Riemann , in Ihrem ersten Buch "Die Schleife an Stalins Bart" schilderten Sie die Haftjahre von 1946 bis 1954 in Sachsenhausen, Bautzen und Hoheneck und die vielen Demütigungen, die Ihnen Ihr Mädchenstreich einbrachte. Im neuen Buch geht es um Ihre Lesungen, Ihre Familie, Ihre Männer - für wen haben Sie es geschrieben? Für meine Leser, die mich immer wieder fragen, wie es mir geht, wie sich mein Leben entwickelt, wie ich mit meinen Kindern zurechtkomme. Ich verspreche immer, dass ich alle Fragen beantworten werde, schaffe es aber leider nicht, auf jeden Brief und jede E-Mail einzeln einzugehen. Das Buch soll deshalb auch ein Dankeschön an meine Leser sein für die große Anteilnahme und Sympathie, die sie mir entgegenbringen.
  • Erika Riemann: Mein Buch ist ein Dankeschön an meine Leser.
Sie beschreiben Ihr erstes Buch oft als eine Art Therapie, durch die sich Ihre lange verschwiegenen Er- innerungen von der Seele reden konnten. Wann wussten Sie, dass Sie weitermachen müssen? Im ersten Buch schreibe ich, dass ich mich nach 45 Jahren endlich als freie Frau fühle. Ich glaubte, mich aus meinem inneren seelischen Gefängnis befreit zu haben. Durch die Lesungen erfahre ich, wie viele es sind, die Ähnliches erleiden mussten und wie ich all die Jahre darüber schwiegen. Ich spreche nicht mehr nur für mich allein. Menschen dazu zu ermutigen, so wie ich endlich über ihre Geschichte zu sprechen, vor allem aber junge Leute zum Nachdenken über die kaum bekannte Nachkriegsgeschichte anzuregen - das stachelt meinen Ehrgeiz an. Die russischen Nachkriegslager auf dem Gelände ehemaliger KZ, zu denen auch Sachsenhausen gehörte, sind seit der Wende Thema öffentlicher Auseinandersetzungen, warum schweigen manche der Betroffenen trotzdem immer noch?
  • Gefragte Autorin: Zeitzeugin Erika Riemann im GEspräch mit der Mühlhäuser Buchhändlerin Regina Eichholz (l.) . Foto: Daniel Volkmann
 In der DDR durfte man nicht darüber reden, im Westen, wohin ich nach der Entlassung floh, interessierte sich keiner dafür. Acht Jahre Lagerhaft für einen Schabernack, das konnte sich hier keiner vorstellen. Daran hat sich auch nach der Wende wenig geändert. In Sachsenhausen ist das Nachkriegsmuseum ganz an den Rand gedrängt. Also resignieren viele und versuchen zu vergessen, oder hoffen weiter, es für sich verarbeiten zu können. Man will ja auch seine Familie nicht mit hineinziehen. Ich habe immer um die Liebe meiner drei Kinder gebuhlt, um nichts in der Welt wollte ich sie belasten. Bis ich merkte, ich muss es ihnen sogar erzählen, damit sie verstehen, warum sie eine so verrückte und manchmal auch harte Mutter hatten.
In Ihrem Buch beschreiben Sie sehr eindringlich, wie die Haft Ihr ganzes Leben lang nachwirkte, in Alpträumen und Ängsten, auch in den Beziehungen zu Männern - haben die Haftfolgen letztlich auch auf Ihre Familie abgefärbt? Hundertprozentig. Meine Kinder, sage ich immer, sind mit haftgeschädigt. Durch meine Erziehung. Inzwischen bin ich friedlicher und weicher geworden. Ich sehe, wie meine Tochter bei der Erziehung ihrer Kinder die gleichen Fehler macht wie ich, darf aber als Oma nichts sagen. Würde ich eingreifen, hätte ich sie wahrscheinlich gegen mich. Na gut, dann schreibe ich eben darüber, dann kann sie es lesen. Zu den bewegendsten Passagen im neuen Buch gehört die Beschreibung einer Leserreise ins fernöstliche Kamtschatka - das klingt zunächst mal eher nach Konfrontation als nach Therapie. Der Gedanke war auch mir zunächst ziemlich unheimlich. Zehn Jahre Sibirien hieß damals mein Urteil, verkündet vom sowjetischen Militärtribunal. Viele Haftkameraden mussten dort hin. Der Gedanke, dass ich mich mit meinen damals 75 Lenzen freiwillig dorthin auf den Weg machen würde, schien einfach nur abwegig. Etwas in der Einladung der Universitätsbibliothek ließ mich aber aufhorchen: man entschuldigte sich bei mir für das, was mir die Russen angetan hatten, es klang ehrlich und hat mich sehr berührt. Bei der Lesung in Petropawlowsk machte Sie ein Russe auf die Ähnlichkeit der russischen Worte für "Schleife" und "Schlinge" aufmerksam. Die Vermutung, dass die russischen Vernehmer und Militärrichter, die Ihren Fall nur aus den Akten kannten, womöglich davon ausgingen, Sie hätten Stalin statt einer Schleife eine Schlinge um den Hals gemalt, und deswegen so hart urteilten, muss doch ein Schock gewesen sein? Gut, dass mein Sohn dabei war. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten und hatte lang dran zu knabbern. Aber es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Das musste es gewesen sein, ein Irrtum, ein Missverständnis. Und wie viel basiert letztlich immer wieder auf Irrtümern, weil man nicht darüber spricht. Wie sicher sind Sie sich, dass es eine sprachliche Verwechslung war? Alle russischen Bekannten sind der Meinung, dass es sich so zugetragen haben könnte. Der erste russische Offizier hatte noch über den Scherz gelacht und mich wieder nach Hause geschickt. Dann schnappte mich eine Streife. Was, die wollte Stalin aufhängen, das muss bestraft werden. Und so nahm das Martyrium seinen Lauf. Die Schilderung der Russlandreise wirkt sehr versöhnlich - haben Sie Verständnis für Ihre Peiniger? Ich habe großes Verständnis. Ich habe viele Russen kennengelernt. Nicht die Menschen sind schlecht, sondern die Regime. Deutsche haben dieses Land überfallen und viele umgebracht. Ich wusste damals nichts von den Verbrechen. Als mir meine Haftkameradinnen davon erzählten, dachte ich, gut, dann bin ich eben eine von denen, die nach so einem Krieg unschuldig büßen müssen. Dadurch habe ich es vielleicht sogar ganz gut weggesteckt. Aber auch ich habe ein Recht, von unserem Leid zu erzählen. Die Wahrheit muss gesagt werden, sonst können wir diese Welt nicht mit gutem Gewissen verlassen.
  • Erika Riemann: Ich bin jetzt stärker, selbstsicherer und nicht mehr das kleine Heimchen, dem vor jeder Lesung die Stimme stockt.
Wie viel stärker als noch vor dem ersten Buch sind Sie heute? Ich bin jetzt stärker, selbstsicherer, nicht mehr das kleine Heimchen, dem vor jeder Lesung die Stimme stockt. Das erste Buch war noch sehr naiv geschrieben, das zweite Buch ist intellektueller. Ich weiß genau, was ich damit will. Was ist Ihre Botschaft? Nicht aufzugeben und immer wieder aufzustehen. Nicht verzagen, sondern weiterkämpfen. Ich hatte viele Höhen und Tiefen, war oft am Verzweifeln und habe es immer geschafft, aus eigener Kraft wieder herauszukommen. Das versuche ich auch jungen Leuten zu vermitteln. Wenn sie nach Lesungen erst einmal eine Weile brauchen, sage ich immer: Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Leute fragen nicht. Man muss erzählen, fragen, hinterfragen, das ist mein Leitspruch. Wenn Sie künftig auf Lesereise gehen - aus welchem Ihrer Bücher werden Sie lesen? Mal sehen. Vermutlich werde ich das Publikum fragen, was es hören möchte. So habe ich es jedenfalls vor.Zur Person: Erika Riemann , geboren 1930 in Mühlhausen, verbrachte die Jahre 1946 bis 1954 in Gefängnissen und Lagern wie Sachsenhausen, Bautzen und Hoheneck, weil sie in ihrer Schule ein Stalinporträt mit einer Schleife verziert hatte. Nach der Haft floh sie in den Westen, arbeitete dort in vielen Jobs, führte drei Ehen und brachte drei Kinder zur Welt. Seit Erscheinen ihres Buches "Die Schleife an Stalins Bart" hat sie sich die Aufklärung gegen das Vergessen und für die Verständigung mit Russland zur Aufgabe gemacht. Für ihr "Engagement für Freiheit und Demokratie und für die Aufarbeitung des SED-Unrechts" erhielt sie im November 2009 vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz. Von Bautzen zum Bundesverdienstkreuz: In ihrem neuen Buch " Stalins Bart ist ab" berichtet Erika Riemann von den Erfahrungen bei ihren Lesungen, die sie bis nach Kamtschatka führten. Das Buch erschien bei Hoffmann und Campe, hat 256 Seiten und kostet 25 (ISBN 978-3-455-50149-0). Erika Riemanns erstes Buch "Die Schleife an Stalins Bart" erschien beim Piper-Verlag inzwischen als Taschenbuch. (Preis: 9 , ISBN 978-3-492-24093-2).

Hanno Müller / 29.03.10 / TA


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